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Realitätscheck: Warum wir das Insektensterben und den Artenschwund nicht bemerken

Immer öfter ist in den Medien die Rede vom Insektensterben. Mal ehrlich, wirklich bemerken tun wir im Alltag davon nichts. Warum ist das so? Die Umweltforschung hat dafür einen Begriff: Das Shifting Baseline Syndrom – das „Neue Normal“.

Bestäuberinsekten
Bestäuberinsekten bei der Arbeit. Foto: Ted Erski

Manchmal kommen Veränderungen schleichend. So wie das Insektensterben. Laut der „Krefelder Studie“ von 2017 hat die Zahl der Fluginsekten in den letzten 30 Jahren in Deutschland um 75 Prozent abgenommen. „Es ist ein stilles Sterben“, sagt Christian Bourgeois, Initiator der Bienenretter-Initiative. Wie konnten wir das nicht bemerken?


Der Meeresbiologe Daniel Pauly hat in den 1990er eine besondere Beobachtung bei Fischern gemacht: Jede Generation an Fischern betrachtet ihre Fanggröße stets als „normal“. Das ist die sogenannte Nulllinie - obwohl die vorherigen Generationen viel mehr Fische im Netz hatten. „Jede Generation schätzt den Zustand der Umwelt, wie sie ihn beim Aufwachsen kennengelernt hat, als Norm ein“, erklärt Bourgeois. Dieses Phänomen beschreibt Daniel Pauly als das Shifting Baseline Syndrom. Ein Rückgang einer oder mehrerer Arten wird innerhalb einer Generation als weniger schlimm betrachtet – ganz nach dem Motto "Ein bisschen Schwund ist immer!". Heute spricht man deshalb auch oft vom „Neuen Normal“.

Aquarium
Eine so vielfältige Unterwasserwelt sieht man oft nur noch in Aquarien.

Generationsbedingte Umweltamnäsie

Warum akzeptieren wir das? „Weil wir nicht wissen, dass es einmal anders war“, sagt Daniel Pauly in einem TED Talk. „Wir verändern die Welt, aber wir erinnern uns nicht. Wir passen unsere Normwerte dem neuen Level an und rufen uns nicht in Erinnerung, was dort war.“ Gerade bei Insekten, die die Basis der Nahrungsnetze bilden, ist dies fatal. Weniger Grashüpfer auf der Wiese oder Fliegen auf der Windschutzscheibe fallen plötzlich gar nicht mehr auf. Für Kinder, die in dieser neuen Normalität aufwachsen, ist dies noch gravierender. Denn: Was wir nicht kennen, können wir auch nicht vermissen.

Wenn dieser eigentliche Rückgang als Normalzustand betrachtet wird, kann dies über mehrere Generationen hinweg zur Ausrottung aller Arten führen - inklusive des Menschen. „Bei Bürger:innen, Politiker:innen aber auch bei Forschenden kann dies zu Fehleinschätzungen im Natur- und Umweltschutz führen“, sagt Bourgeois.

Das liegt auch an einem Mangel an Informationen sowie dem Rückgang von Naturerfahrungen. Eine deutsch-französische Studie von 2022 beschreibt, wie sich der Mensch immer mehr von der Natur entfernt. In den letzten 20 Jahren ist die durchschnittliche Distanz zur Natur um sieben Prozent gestiegen. Sogar in Disney-Filmen und Kinderbüchern konnten die Forschenden feststellen, dass Natur von Jahr zu Jahr weniger präsent ist – beispielsweise in Form von Tieren und Landschaften.

Frau, Stadt
Wir Menschen entfernen uns immer mehr von der Natur. Foto: ohurtsov

Was können wir dagegen tun?

„Die Zeiten, in denen wir glauben, wir müssten 'Ökosysteme schützen', sind vorbei. Jetzt müssen wir Ökosysteme wiederherstellen“, sagt Bourgeois. Als Privatperson können wir versuchen, unseren eigenen Kontakt zur Umwelt mit Ausflügen in die Natur zu stärken und auch Kinder dafür sensibilisieren. „Einfach mal mit offenen Augen durch den Wald spazieren und schauen, was einem dort so begegnet“, empfiehlt Bourgeois. Außerdem lohnt es sich bei Insektenzählaktionen wie beispielsweise dem NABU-Insektensommer teilzunehmen.

Laut dem Meeresbiologen Pauly können auch Kunst und Film einen Beitrag dazu leisten, frühere Normwerte abzubilden, beispielsweise durch Bild- oder Video-Simulationen von Ökosystemen aus früheren Zeiten. Nicht ohne Grund berühren uns Natur-Filme wie Avatar, die ein diverses, buntes Ökosystem abbilden. „Weil sie etwas aus der Vergangenheit in uns wachrufen“, beendet Daniel Pauly seinen TED Talk.

Wald, Moos, Pilze
Ein Spaziergang in den Wald lohnt sich! Foto: adege

Vergangenes Wissen aktivieren

Gerade das Wissen der älteren Generation, wie es früher einmal war, ist elementar für ein nachhaltiges Handeln. „Enkel oder Enkelinnen können ihre Großeltern danach fragen, wie es früher einmal war. Welche Tiere und Pflanzen gab es, als die Großeltern noch Kinder waren? Dies ist wichtiges Wissen für eine nachhaltige Entwicklung, um nicht in eine generationsbedingte Umweltamnäsie zu verfallen“, betont Bourgeois.

Text: Elisa Kautzky